Psychiater und Psychologen…

„Wenn Psychiater und Psychologen „ihren Patienten“ in Diagnose-Schemata einordnen, dann machen sie diesen Menschen zu einem „Krankheitsbild“, zu einem kranken Objekt. Der Psychiater schafft eine Distanz zwischen sich und dem Patienten, er begutachtet das Leid des anderen. Auf diese Weise muss sich der Psychiater nicht in die psychischen Probleme des anderen hineinfühlen: Die Probleme des Patienten sind für den Psychiater nur ein Teil des „wissenschaftlich“ definierten Krankheitsbildes. Ein Mensch sieht keinen Ausweg, fühlt sich traurig, elend und weint verzweifelt. „Klar“, denkt sich der diagnostisch orientierte Psychiater. „Klar, dass dieser Mensch weint er hat eine schwere depressive Episode“. Die psychiatrische Diagnostik dient bestenfalls den Schul-Psychiatern/-Psychologen, um menschliche Begegnungen zu verarbeiten. Der New Yorker Psychiatrie-Professor Thomas Steven Szasz (1920-2012) nennt die psychiatrische Diagnostik eine „Rufmord- und Diffamierungstechnik“… Wir haben bereits gesehen, dass die Grenze zwischen „psychiatrischer Auffälligkeit“ und anerkannter „Normalität“ willkürlich ist, ein Diagnose-Stempel kann für den psychisch-auffälligen Menschen jedoch fatal werden: Denn er soll mit allerlei Mitteln in die Normalität zurückgebracht werden – von Psychopharmaka bis Psychotherapie bis psychiatrischer Zwangsbehandlung. Hier wird erkennbar, welchen gesellschaftlichen Auftrag die Psychotherapie zu erfüllen hat… Normalisierung und Anpassung, durch Psychotherapie oder durch Psychopharmaka. Kreativ wird die Psychotherapie dann, wenn gesellschaftliche Fassaden gesprengt werden und die Individualität wie eine Knospe – zwar heftig, aber sanft – durchbricht und sich zur individuellen Blüte entfaltet – zur eigenen Freude und zur Freude anderer.“
(Aus: Josef Zehentbauer: „Abenteuer Seele. Psychische Krisen als Chance“ Kapitel „Wenn die Seele schreit“ S. 68. 72 ALBATROS 2012)
Nie zuvor standen dem Menschen so viele Psychoarzneien zur Verfügung wie heute. Mittel, die seelische Beschwerden beruhigen (Tranquilizer vom Typ Valium usw.) oder Mittel, die die Persönlichkeit dämpfen oder gar zerstören können (zum Beispiel hochpotente Neuroleptika bei Langzeitanwendung), oder Mittel, die Depressionen erleichtern sollen (zum Beispiel Antidepressiva) oder heftige Stimmungsschwankungen zwischen Euphorie und Schwermut in eine graue Durchschnittlichkeit nivellieren (zum Beispiel Lithium), und viele mehr.
Werden Psychopharmaka über lange Zeit genommen, können in der Mikrostruktur des Gehirns allmähliche Veränderungen entstehen. Ein besonders drastisches Beispiel für Psychopharmaka, die im Lauf der Zeit zu solchen Veränderungen führen können, sind Neuroleptika, zum Beispiel Haloperidol.

Gute Besserung,
MDN./.